ICF: The Show must go on…

Am 19. November hat die NZZ mal einen interessanten Artikel übers ICF veröffentlicht. Natürlich ist es ein gnadenloser Verriss, aber das möchte ich euch trotz allem nicht ersparen. Denn in jedem Verriss ist auch ein Fünkchen Wahrheit:

Das Konzept ist stets ähnlich: Einfache und prägnante Botschaften werden trendig verpackt und professionell auf die Zielgruppe der unter 20- bis 30-Jährigen ausgerichtet. Das ist kein Zufall, sondern Strategie: Jugendliche sind religiös vielfach weniger geprägt und lassen sich vom ICF einfacher verführen, wie Linder in etwas verklausulierter Form, aber ungerührt erklärt.

Nun eigentlich ist nichts schlechtes daran, nicht einen vertrockneten Gottesdienst zu bieten, sondern ein wenig frischer ans Thema ran zu gehen. Die Frage ist immer: Wann wird die Verpackung wichtiger wie der Inhalt? Wo ist das Gleichgewicht? Eine pauschale Antwort darauf gibt es – wie der NZZ Autor andeutet – in meinen Augen nicht. Trotzdem möchte ich mal Bendik zitieren, der mir mal von seinem Besuch erzählte: Das letzte Konzert von mir war am ICF. Irgendwie sagt der Satz so vieles aus..

Nur wer dem ICF so viel Geld wie möglich spendet, findet zu Gott. Der “Zehnte”, also zehn Prozent des Einkommens, muss mindestens abgegeben werden, besser “one more”.

Wie gesagt: Ich bin absolut kein Fan der gelebten Zehnten-Lehre, im Gegenteil. Trotzdem wird hier etwas schlecht gemacht, was nicht soll: Das Geben für Andere. Irgendwie eine traurige Gesellschaft, in dem Leute verspottet werden, die einen Teil ihres Einkommens für andere einsetzen.

Aber der nächste Abschnitt ist sehr traurig:

Rund vier Millionen Franken verbraucht die Organisation pro Jahr, die Hälfte für Personalkosten. Denn der ICF Zürich beschäftigt neben pastors auch vollamtliche IT-Experten, Grafiker oder Musiker, auch wenn die Hauptarbeit durch mehr als 500 zur Freiwilligenarbeit Einberufene, rekrutierte volunteers, geleistet wird. Am meisten verdient Bigger, 7500 Franken im Monat. Über das Geld des ICF entscheidet ein 7-köpfiges, derzeit ausschliesslich aus Männern zusammengesetztes und von Bigger angeführtes Leitungsteam alleine. Ein Mitspracherecht der Basis gibt es nirgendwo, bei keiner Entscheidung des ICF, auch nicht, was die Zusammensetzung des Leitungsteams angeht. “Wem es nicht passt, der kann nicht mehr bezahlen und nicht mehr kommen”

Hey, Grösse kostet. Das weiss jeder, der mal in einer Firma war, die im Wachstum war. Aber 4 Millionen? Ist schon heftig.. Dass Bigger 7500 CHF verdient, find ich sogar noch fair, den die Arbeitsbelastung und Verantwortung sind gross und in der Privatwirtschaft wird auch in den Grössenordnungen bezahlt.

Was mich aber wirklich traurig macht, ist die Art der Leitung: Von oben herab über die dummen Schäfchen bestimmen. Dass so etwas in einem direktdemokratischen Land wie der Schweiz in einer freiwilligen Organisation möglich ist, ist echt ein Armutszeugnis. Ich kann über so eine Struktur eigentlich nur den Kopf schütteln..

Wo aber die unsichtbaren Dämonen der schlechten Welt Besitz vom Menschen ergreifen, hilft Geisteraustreibung – durchgeführt in der smallgroup, Erfolg nachgewiesen, wie Linder behauptet.

Dazu sag ich gar nichts. Ich lass es einfach einmal im Raum stehen. Was man von Exzorzismus halten will, soll jeder selbst entscheiden. Ebenso bleibt das nächste Zitat ohne Kommentar:

Der ICF hat für seine Anhänger ein Kino angemietet und zeigt unter anderem “The Legend of Zorro” mit Catherine Zeta-Jones und Antonio Banderas – “ein Film aus einer Zeit,”als die Männer noch Männer waren und die Frauen noch Frauen”.

Interessant finde ich vorallem, dass ja bei Freikirchen das “Katholiken-Schlechtmachen” in ist. Aber wenn man die Parallelen vergleicht..
- Konservatives Frau-Mann Bild
- Leitung ist absolut und nicht demokratisch
- Dogmatische Regeln
- Exzorzismus
.. frag ich mich, wo sich den das ICF zum zitierten Katholizismus unterscheidet, wenn nicht in der Gottesdienst-Show?

Anmerkung: Ich war schon mehrfach im ICF und für einen Besuch bin ich immer zu haben. Die Show und die Predigt sind wirklich in einer sehr guten Qualität. Und das tut zur Abwechslung mal gut. Aber für mich wäre das gelebte Weltbild total inakzeptabel. Ich sehe den Glauben als Freiheit, nicht als Regelstruktur mit Doktrin, Dogmatismus und absoluter Herrschaft der Leitung. Man möge mir also die Bissigkeit dieses Artikels verzeihen. Wer an einer Gegendarstellung vom ICF interessiert ist, kann sie hier nachlesen:
Artikel im Livenet.ch

3 Comments

  1. Jeanine
    Posted 30/11/2005 at 12:00 | Permalink

    wie du schreibst, sind “recherchierte” artikel übers icf nie sonderlich objektiv und daher mit viel vorsicht zu geniessen.
    ich hab sie jedenfalls sehr gut erlebt in den gottesdiensten – wenn auch die verpackung wie du so schön sagst für meinen geschmack etwas zu “zürimässig cool” war ;)

  2. Roman
    Posted 30/11/2005 at 15:57 | Permalink

    Deshalb gibts Gegendarstellungen. Interessant an der ist aber, dass man eben KEINEN Facts widersprochen hat. Entweder sind diese derart offensichtlich aus der Luft gegriffen (glaub ich weniger) und man hats nicht Nötig, darüber zu diskutieren, ooooder aber es sind tatsächlich Facts (die man erst recht nicht diskutieren mag).

    Die Gottesdienste sind das Eine, was danach noch alles abläuft, weiss man erst, wenns zu spät ist. Wir kennen uns ja damit aus gell ;)

  3. Andy
    Posted 2/12/2005 at 10:48 | Permalink

    Mir ist dasselbe aufgefallen. Eine Gegendarstellung in der den Behauptungen im Artikel nicht widersprochen wird, ist etwas merkwürdig…